Unser Lesetipp im Okt. 2020

Jens Mühling: „Schwere See – Eine Reise um das Schwarze Meer“
Herausragendes Reisebuch!  (Rowohlt März 2020)

Sechs Länder grenzen an das Schwarze Meer, bei uns aber sind nur wenige Badeorte bekannt. Dabei ist die ganze Region ein uraltes Siedlungsgebiet.

Mühling, Journalist und Osteuropa-Experte, begann seine Reise bei der Halbinsel Krim, die 2014 von Russland annektiert wurde. Dann führte ihn sein Weg im Uhrzeigersinn entlang der Küste Richtung Süden…. … Er kam nach Sotschi, dem Ort der Winter-Olympiade 2016, und auf abenteuerliche Weise ins abgeschottete Abchasien, das von Georgien immer noch als Teil des eigenen Landes beansprucht wird.

Mühling reiste meist mit Bus, Taxi oder er ließ sich mitnehmen. So kam er am besten ins Gespräch mit Einheimischen. Gut, dass der Autor fließend Russisch und rudimentär Türkisch spricht. Diese Gespräche prägen das Buch und geben auf sehr unterhaltsame Weise die ganz persönlichen Ansichten der Menschen wieder.

Besonders interessant sind Mühlings Gespräche mit Meeresforschern, die erklären, warum dieses Meer zwei völlig voneinander getrennte Wasserschichten aufweist mit entsprechend anderem Fischbestand. Erschreckend die Umweltsituation des Gewässers! In Bulgarien besuchte der Autor archäologische Taucher, die mit diesen zwei Wasserschichten zu kämpfen haben. Eine ganz andere Forschungsstation bestand ab 1927 in Suchum, damals Abchasische Sowjetrepublik. Dort gab es Pläne, Menschenaffen mit Sowjetbürgerinnen zu paaren. Spannend, wie die Sache ausging!

In Rumänien begibt sich Mühling auf die Spuren von Roma und von der uralten Religionsgemeinschaft der Lipowaner im Donau-Delta. Traurig stimmt das Schicksal der Juden von Odessa in der Ukraine, von denen nur wenige den „Terror Stalins und den Horror Hitlers“ überlebten. Traurig stimmt aber auch das ärmliche Leben der Menschen am östlichen ukrainischen Schwarzmeerufer. Vielen hat die Unüberwindlichkeit der Grenze zur (jetzt russischen) Halbinsel Krim den Arbeitsplatz und damit die Lebensgrundlage genommen.

Bis in die Gegenwart prägend ist Russland, angefangen von der Zarin Katharina der Großen im 18. Jahrhundert, die sich Kosaken, Tataren und andere Völkerschaften dieser Region untertan machte, über die Sowjetzeit, in der unter Stalin Tausende Bewohner nach Osten deportiert wurden und in die heutige Zeit mit der Annexion der Krim.

Es gelingt Mühling hervorragend, diese ganzen komplizierten geschichtlichen Entwicklungen auch für Laien verständlich und lebendig zu beschreiben. Und wer mehr erfahren will, dem dient die umfangreiche Bibliographie als Anregung zum Weiterlesen.

Fazit: Eine Reisebeschreibung, unterhaltsam und sehr informativ, leider aber nur mit einem einzigen Foto. Absolut lesenswert für alle, die gern mehr über unsere Welt wissen wollen!

Ebenfalls von Jens Mühling: „Schwarze Erde – Eine Reise durch die Ukraine“ und „Berlin – Spaziergänge durch alle 96 Ortsteile“