Lesetipp Nov. 2021

Unser Buchtipp für alle historisch Interessierten:  

„Der Astronom und die Hexe“ von Ulinka Rublack

Johannes Keplers Kampf um seine Mutter – ein historisches Familiendrama zwischen Hexenverfolgung und moderner Wissenschaft zu Beginn des 30-jährigen Kriegs

Deutschland, genauer: Leonberg im Herzogtum Württemberg, 1615.
Die Mutter des berühmten Astronomen Johannes Kepler wird als Hexe angeklagt. Vor der faszinierenden Kulisse einer Welt im Wandel zwischen Aberglaube und Naturwissenschaft beschreibt Rublack bewegend, wie der Vorwurf der Hexerei Familien entzweite.

»Ulinka Rublack erzählt filmreif, warum der Astronom Johannes Kepler vor 400 Jahren seine Mutter vor Gericht verteidigte […] Beim Lesen meint man die Stimmen der Hauptfiguren sprechen zu hören.«
Elisabeth von Thadden, Die Zeit, 22.11.2018

»“Der Astronom und die Hexe“ gehört ohne Übertreibung zu den lehrreichsten, spannendsten, lesenswertesten historischen Sachbüchern der letzten Jahrzehnte.«
Olaf Schmidt, Der Sonntag, 13.01.2019
 

Die Entdeckung der ellipsenförmigen Umlaufbahnen der Planeten machte Johannes Kepler zu einem Mitbegründer der modernen Wissenschaft. Ulinka Rublack entfaltet auf Basis einer einzigartigen Quellenlage eine weitaus weniger bekannte Episode in Keplers Biographie:
Im Jahr 1615 wird seine alte und schon lange verwitwete Mutter der Hexerei bezichtigt und angeklagt. Eine Witwe, die allein ihre Kinder großzieht und einigermaßen erfolgreich ihr Leben meistert, schien so manchem Nachbarn verdächtig und erweckte Neid.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere übernimmt Kepler die Verteidigung seiner Mutter vor Gericht und kämpft für ihren Freispruch. Dafür verlässt er mitsamt Familie seine Arbeitsstätte in Linz in Österreich und zieht für Monate in die Gegend um Stuttgart, ein wahrhaft kostspieliges und zeitraubendes Unterfangen, denn Reisen war sehr mühsam. Dabei ist der Ausgang des Prozesses ungewiss. Doch Kepler ist bestens geschult in den klassischen Methoden der Beweisführung und Rhetorik. Außerdem lässt er alle Beziehungen, die er über Jahre aufgebaut hat, spielen, um die Mutter vor Folter und Tod zu bewahren und frei zu bekommen. Dabei wird klar, was dieser Vorwurf der Hexerei bedeutet für die Beschuldigte und ihre Angehörigen in einer Welt, in der Volks(aber)glaube und Wissenschaft nebeneinander existieren.

So ergreifend wie schockierend zeugt Rublacks Buch von einer Epoche, die sich hundert Jahre nach der Reformation und an der Schwelle zum Dreißigjährigen Krieg im Aufbruch befindet – zwischen vernunftgeleiteter Moderne und dem Terror der Hexenverfolgung unter dem Deckmantel der Religion.

Ulinka Rublack, geb. 1967 in Tübingen, lehrt seit 1996 Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit am St John’s College in Cambridge. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet.
Privat hat sie immer noch enge Beziehungen zum Württembergischen und kennt sich dort bestens aus.

Was Rublacks Buch besonders auszeichnet, ist die spannende und anschauliche Schilderung der Lebensumstände des einfachen Volkes um 1600. Astronomisches oder physikalisches Hintergrundwissen ist nicht erforderlich. Sowohl die gebundene als auch die Taschenbuchausgabe enthalten zahlreiche Illustrationen und einen umfangreichen Anhang. Tipp: Epilog zuerst lesen!

Wer nach der Lektüre Lust hat, die Stadt Leonberg zu besuchen, wird dort einige Häuser, den Marktplatz und den „Pomeranzengarten“ fast so wie zu Keplers Zeiten vorfinden.

Das Buch, erschienen bei Klett-Cotta, ist in der Stadtbibliothek Engen ausleihbar und im örtlichen Buchhandel erhältlich.

Lesetipp Sept. 2021

Deniz Ohde, „Streulicht“ (Suhrkamp 2020) – ein Buch nicht nur für Lehrerinnen und Lehrer

Ein Industrieort am Niederrhein, weißer Industrieschnee rieselt herab, eine feine Säure liegt in der Luft. Ein ständiges Rauschen dringt aus den Werkshallen. Hier ist die namenlose Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, aber nur kurz zur Hochzeit von Freunden aus Kindertagen.

Die junge Autorin Deniz Ohde, ihre Mutter deutsch, ihr Vater türkisch, erzählt in ihrem Debütroman von Kindheit und Jugend eines Mädchens aus einem engen Arbeitermilieu. Der Vater wie schon der Großvater „alteingesessen“ und hart arbeitend, jedoch mit einem Hang zu Alkohol und häuslicher Gewalt. Außerdem: Beide Männer können nichts wegwerfen, sondern müssen raffen, was sie billig kriegen können. So quillt das Haus über von Sonderangeboten in XXL-Packungen. Die Mutter der Protagonistin ist Türkin, die mit ihrer Tochter jedoch nie Türkisch redet. So fehlt dem Kind „die Kraftquelle der Muttersprache“, wie die Autorin in einem Interview bei der Schrader-Stiftung Darmstadt sagte. Die Ich-Erzählerin kann sich Menschen mit ihrer Herkunft nicht anschließen, denn ihr fehlt die türkische Sprache, die Sprache ihrer Mutter.

Im sehr deutschen Milieu ihres Heimatortes findet sie ebenfalls keinen Rückhalt. „Was? Ein Arbeiterkind aufs Gymnasium? Und gar studieren? Wie soll das gehen?“ Auch der Vater sieht wenig Sinn in Schulbildung, „Gehst ja doch mal in die Fabrik“, und der Grundschullehrer traut ihr nichts zu, weil sie immer verschüchtert und stumm im Klassenzimmer sitzt. Er lässt sie in Ruhe und meint, damit dem Kind etwas Gutes zu tun.

Orientierungslos geworden bricht das junge Mädchen die Schule ab. Doch dann gelingt es ihr, sich im zweiten Anlauf nach oben zu kämpfen, sich zu befreien – trotz Scham und ständiger Angst, vor den anderen nicht bestehen zu können. Die junge Frau macht Abitur und verlässt ihr Elternhaus, um zu studieren. Besonders beeindruckend schildert die Autorin, welche Rolle bei der Entwicklung eines Kindes Lehrer spielen können – so oder so.

Ist das Buch ein Bildungsroman? Die Protagonistin strebt Bildung an, ohne zu wissen, was das eigentlich sein soll. Sie will raus aus der Enge des Industrieortes und zu einer bestimmten Schicht, zu einer Elite gehören. Die Autorin: „Bildung eröffnet den Zugang zur Welt.“

Im Interview sagte sie, ihr Buch sei kein „Befindlichkeitsroman einer Deutsch-Türkin“, doch natürlich spielen Herkunft und Identität eine wichtige Rolle.

Außerdem betonte die 1988 in Frankfurt geborene Schriftstellerin, dass „Streulicht“ keinesfalls ein autobiografischer Roman sei. Sie selber habe schon in der Grundschule angefangen, Geschichten aufzuschreiben und dabei große Unterstützung von ihrer Lehrerin bekommen. Nun hat Deniz Ohde schon mehrere Auszeichnungen für ihr Schreiben bekommen, unter anderem den renommierten Jürgen-Ponto-Preis und den „aspekte-Literaturpreis“ des ZDF.

Das Buch ist in der Stadtbibliothek auszuleihen, im örtlichen Buchhandel gebunden (22 €) oder als Broschur (12 €) zu kaufen.

Lesetipp August 2021

Marco Balzano: „Ich bleibe hier“ (Diogenes 2020, aus dem Italienischen übersetzt)

Wer kennt nicht diesen Kirchturm, der aus dem Wasser ragt? – Zu sehen auf dem Buchcover des neuen Romans von Marco Balzano.

Ende der 30er Jahre im letzten Jahrhundert. Mussolini und Hitler handeln die „Große Option“ aus, die alle deutschsprachigen Südtiroler zwingt, ins deutsche Reich auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Für Trina, eine junge Lehrerin in Graun, einem hübschen Dorf hoch oben am Reschenpass im Vinschgau, bedeutet dies auch, nicht mehr unterrichten zu dürfen. Doch sie will nicht nach Norden ziehen. Sie bleibt und unterrichtet in Scheunen und Kellern, immer der Gefahr ausgesetzt, entdeckt zu werden.

Zeitweise finden sie und ihr Mann Erich Zuflucht in einem abgelegenen Grenzgehöft in der Schweiz. Es kommt zu lebensgefährlichen Begegnungen, doch ihre Heimat gänzlich verlassen wollen sie nicht.

Sie bleiben, auch als nach dem Faschismus ihr Dorf und ihre Felder einem Stausee weichen sollen – einem Energieprojekt, das keine Rücksicht auf Menschen und Natur nimmt, aber damals schon von vielen als sinnlos, d.h. als nicht wirtschaftlich angesehen wird. Trina und ihr Mann organisieren den Widerstand und riskieren Leib und Leben. Mit Hilfe des Pfarrers schreiben sie sogar Bittbriefe an den Papst. Doch alles ist umsonst. So bleibt bis heute die Touristenattraktion des Kirchturms im Wasser des Stausees.

Marco Balzano gelingt ein spannender und sehr berührender Roman über die bittere Geschichte der Menschen am Reschen-Stausee und über das Schicksal von vielen Südtirolern, das bis heute Auswirkungen zeitigt.

Die Zeitung „La Repubblica“ schrieb: „Marco Balzano verbindet historische Genauigkeit mit Emotionen.“

Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist zurzeit einer der erfolgreichsten Autoren Italiens. Er arbeitet als Lehrer für Literatur in Mailand und verfasste in den letzten Jahren Bücher, die auch in Deutschland große Beachtung fanden, so „Das Leben wartet nicht“, die Geschichte von Ninetto, der als Kind von Sizilien nach Mailand geschickt wurde, um dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Wem diese Bücher gefallen, dem sei auch „Acht Berge“ von Paolo Cognetti empfohlen – viel mehr als ein Heimatroman aus den Alpen.

„Ich bleibe hier“ ist in der Stadtbibliothek Engen ausleihbar. Alle Bücher sind im örtlichen Buchhandel erhältlich. Heute bestellt, morgen schon zum Lesen bereit.