Lesetipp Januar 2022

Leïla Slimani: „Das Land der Anderen“
Beeindruckender Roman über das Leben einer jungen Französin in Marokko zwischen 1945 und 1955 – Bestseller aus Frankreich – Luchterhand-Verlag 2021, 384 Seiten, 22 Euro.
Das Buch ist ausleihbar in der Stadtbibliothek Engen.

Dieser große Gesellschaftsroman der hochgefeierten französisch-marokkanischen Autorin basiert auf der wahren Geschichte ihrer Großeltern. Doch Slimanis Roman ist nicht einfach eine Nacherzählung tatsächlicher Begebenheiten. Die Autorin versucht vielmehr, die Realität mit den Mitteln der Fiktion zu erkunden. Zur Debatte stehen die Unterdrückung der Frau – nicht nur in Nordafrika, das Schicksal der Einheimischen in einem kolonialisierten Land und das einer europäischen Auswanderin, die sich nicht unter die Kolonisatoren mischen will: Dies ein interessanter Blickwinkel, der in der deutschen Literatur nicht oft zu finden ist.
Ein wunderbares Bild im Roman ist der „Zitrangenbaum“. Um die gemeinsame Tochter zu unterhalten, pfropft Amine einen Zitronenzweig auf einen Orangenbaum: „Wir sind wie dein Baum: halb Zitrone, halb Orange. Wir gehören zu keiner Seite.“ Doch die Früchte sind bitter und ungenießbar.
Die Hauptfigur Mathilde, eine gerade mal 20-jährige junge Elsässerin, verliebt sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in den doppelt so alten Amine Belhaj, einen marokkanischen Offizier im Dienst der französischen Armee.
Der äußere Gegensatz zwischen den beiden könnte nicht größer sein: „Mathilde, robust, ungestüm, irgendwie maskulin, schlank, blond mit grünen Augen, ist einen Kopf größer als ihr dunkler marokkanischer Mann Amine. Er hatte im Befreiungskrieg der Franzosen gegen die Deutschen gekämpft, war verletzt und ausgezeichnet worden und in deutscher Gefangenschaft gewesen.“
Die beiden heiraten und lassen sich in der Nähe von Meknès am Fuß des Atlas-Gebirges nieder. Dort leben sie ärmlich auf einem abgelegenen Hof, den Amine von seinem Vater geerbt hat. Während er versucht, dem steinigen Boden einen kargen Ertrag abzuringen, zieht Mathilde die beiden Kinder groß.
Voller Freiheitsdrang und Abenteuerlust hatte sie den Aufbruch in ein neues, unbekanntes Leben gewagt, doch bald muss sie ernüchternde Erfahrungen machen: den alltäglichen Rassismus der französischen Kolonialgesellschaft, in der eine Ehe zwischen einem Araber und einer Französin nicht vorgesehen ist, die patriarchalischen Traditionen der Einheimischen, das Unverständnis des eigenen Mannes. Aber Mathilde gibt nicht auf und bereut nichts. Beeindruckend zu lesen, wie sie ihr Leben meistert.
Besonders schwierig jedoch wird die Lage der Familie, als 1953 in Marokko wie im benachbarten Algerien die Unabhängigkeitsbewegung gegen die Herrschaft der Franzosen immer mächtiger wird. In der aufgeheizten Stimmung sitzt die Familie zwischen allen Stühlen und muss um Besitz und Leben fürchten.
Die in Frankreich renommierte Autorin Leïla Slimani kam 1981 im marokkanischen Rabat auf die Welt und wuchs in einer begüterten Familie auf: Mutter Ärztin, Vater Ökonom und sogar Wirtschaftsminister des Landes. 1999 Studium an einer berühmten Politikhochschule in Paris, dann Journalistin für das Wochenmagazin Jeune Afrique, jetzt Buchautorin. Prix Goncourt für „Dann schlaf auch du“ (2016), das Psychodrama einer Nanny, die zwei Kinder in ihrer Obhut ermordet, auch dies erzählt nach einer wahren Geschichte.

Lesetipp Nov. 2021

Unser Buchtipp für alle historisch Interessierten:  

„Der Astronom und die Hexe“ von Ulinka Rublack

Johannes Keplers Kampf um seine Mutter – ein historisches Familiendrama zwischen Hexenverfolgung und moderner Wissenschaft zu Beginn des 30-jährigen Kriegs

Deutschland, genauer: Leonberg im Herzogtum Württemberg, 1615.
Die Mutter des berühmten Astronomen Johannes Kepler wird als Hexe angeklagt. Vor der faszinierenden Kulisse einer Welt im Wandel zwischen Aberglaube und Naturwissenschaft beschreibt Rublack bewegend, wie der Vorwurf der Hexerei Familien entzweite.

»Ulinka Rublack erzählt filmreif, warum der Astronom Johannes Kepler vor 400 Jahren seine Mutter vor Gericht verteidigte […] Beim Lesen meint man die Stimmen der Hauptfiguren sprechen zu hören.«
Elisabeth von Thadden, Die Zeit, 22.11.2018

»“Der Astronom und die Hexe“ gehört ohne Übertreibung zu den lehrreichsten, spannendsten, lesenswertesten historischen Sachbüchern der letzten Jahrzehnte.«
Olaf Schmidt, Der Sonntag, 13.01.2019
 

Die Entdeckung der ellipsenförmigen Umlaufbahnen der Planeten machte Johannes Kepler zu einem Mitbegründer der modernen Wissenschaft. Ulinka Rublack entfaltet auf Basis einer einzigartigen Quellenlage eine weitaus weniger bekannte Episode in Keplers Biographie:
Im Jahr 1615 wird seine alte und schon lange verwitwete Mutter der Hexerei bezichtigt und angeklagt. Eine Witwe, die allein ihre Kinder großzieht und einigermaßen erfolgreich ihr Leben meistert, schien so manchem Nachbarn verdächtig und erweckte Neid.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere übernimmt Kepler die Verteidigung seiner Mutter vor Gericht und kämpft für ihren Freispruch. Dafür verlässt er mitsamt Familie seine Arbeitsstätte in Linz in Österreich und zieht für Monate in die Gegend um Stuttgart, ein wahrhaft kostspieliges und zeitraubendes Unterfangen, denn Reisen war sehr mühsam. Dabei ist der Ausgang des Prozesses ungewiss. Doch Kepler ist bestens geschult in den klassischen Methoden der Beweisführung und Rhetorik. Außerdem lässt er alle Beziehungen, die er über Jahre aufgebaut hat, spielen, um die Mutter vor Folter und Tod zu bewahren und frei zu bekommen. Dabei wird klar, was dieser Vorwurf der Hexerei bedeutet für die Beschuldigte und ihre Angehörigen in einer Welt, in der Volks(aber)glaube und Wissenschaft nebeneinander existieren.

So ergreifend wie schockierend zeugt Rublacks Buch von einer Epoche, die sich hundert Jahre nach der Reformation und an der Schwelle zum Dreißigjährigen Krieg im Aufbruch befindet – zwischen vernunftgeleiteter Moderne und dem Terror der Hexenverfolgung unter dem Deckmantel der Religion.

Ulinka Rublack, geb. 1967 in Tübingen, lehrt seit 1996 Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit am St John’s College in Cambridge. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet.
Privat hat sie immer noch enge Beziehungen zum Württembergischen und kennt sich dort bestens aus.

Was Rublacks Buch besonders auszeichnet, ist die spannende und anschauliche Schilderung der Lebensumstände des einfachen Volkes um 1600. Astronomisches oder physikalisches Hintergrundwissen ist nicht erforderlich. Sowohl die gebundene als auch die Taschenbuchausgabe enthalten zahlreiche Illustrationen und einen umfangreichen Anhang. Tipp: Epilog zuerst lesen!

Wer nach der Lektüre Lust hat, die Stadt Leonberg zu besuchen, wird dort einige Häuser, den Marktplatz und den „Pomeranzengarten“ fast so wie zu Keplers Zeiten vorfinden.

Das Buch, erschienen bei Klett-Cotta, ist in der Stadtbibliothek Engen ausleihbar und im örtlichen Buchhandel erhältlich.

Lesetipp Sept. 2021

Deniz Ohde, „Streulicht“ (Suhrkamp 2020) – ein Buch nicht nur für Lehrerinnen und Lehrer

Ein Industrieort am Niederrhein, weißer Industrieschnee rieselt herab, eine feine Säure liegt in der Luft. Ein ständiges Rauschen dringt aus den Werkshallen. Hier ist die namenlose Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, aber nur kurz zur Hochzeit von Freunden aus Kindertagen.

Die junge Autorin Deniz Ohde, ihre Mutter deutsch, ihr Vater türkisch, erzählt in ihrem Debütroman von Kindheit und Jugend eines Mädchens aus einem engen Arbeitermilieu. Der Vater wie schon der Großvater „alteingesessen“ und hart arbeitend, jedoch mit einem Hang zu Alkohol und häuslicher Gewalt. Außerdem: Beide Männer können nichts wegwerfen, sondern müssen raffen, was sie billig kriegen können. So quillt das Haus über von Sonderangeboten in XXL-Packungen. Die Mutter der Protagonistin ist Türkin, die mit ihrer Tochter jedoch nie Türkisch redet. So fehlt dem Kind „die Kraftquelle der Muttersprache“, wie die Autorin in einem Interview bei der Schrader-Stiftung Darmstadt sagte. Die Ich-Erzählerin kann sich Menschen mit ihrer Herkunft nicht anschließen, denn ihr fehlt die türkische Sprache, die Sprache ihrer Mutter.

Im sehr deutschen Milieu ihres Heimatortes findet sie ebenfalls keinen Rückhalt. „Was? Ein Arbeiterkind aufs Gymnasium? Und gar studieren? Wie soll das gehen?“ Auch der Vater sieht wenig Sinn in Schulbildung, „Gehst ja doch mal in die Fabrik“, und der Grundschullehrer traut ihr nichts zu, weil sie immer verschüchtert und stumm im Klassenzimmer sitzt. Er lässt sie in Ruhe und meint, damit dem Kind etwas Gutes zu tun.

Orientierungslos geworden bricht das junge Mädchen die Schule ab. Doch dann gelingt es ihr, sich im zweiten Anlauf nach oben zu kämpfen, sich zu befreien – trotz Scham und ständiger Angst, vor den anderen nicht bestehen zu können. Die junge Frau macht Abitur und verlässt ihr Elternhaus, um zu studieren. Besonders beeindruckend schildert die Autorin, welche Rolle bei der Entwicklung eines Kindes Lehrer spielen können – so oder so.

Ist das Buch ein Bildungsroman? Die Protagonistin strebt Bildung an, ohne zu wissen, was das eigentlich sein soll. Sie will raus aus der Enge des Industrieortes und zu einer bestimmten Schicht, zu einer Elite gehören. Die Autorin: „Bildung eröffnet den Zugang zur Welt.“

Im Interview sagte sie, ihr Buch sei kein „Befindlichkeitsroman einer Deutsch-Türkin“, doch natürlich spielen Herkunft und Identität eine wichtige Rolle.

Außerdem betonte die 1988 in Frankfurt geborene Schriftstellerin, dass „Streulicht“ keinesfalls ein autobiografischer Roman sei. Sie selber habe schon in der Grundschule angefangen, Geschichten aufzuschreiben und dabei große Unterstützung von ihrer Lehrerin bekommen. Nun hat Deniz Ohde schon mehrere Auszeichnungen für ihr Schreiben bekommen, unter anderem den renommierten Jürgen-Ponto-Preis und den „aspekte-Literaturpreis“ des ZDF.

Das Buch ist in der Stadtbibliothek auszuleihen, im örtlichen Buchhandel gebunden (22 €) oder als Broschur (12 €) zu kaufen.