Leïla Slimani: „Das Land der Anderen“

Leïla Slimani: „Das Land der Anderen“        (Jan. 2022)
Beeindruckender Roman über das Leben einer jungen Französin in Marokko zwischen 1945 und 1955 – Bestseller aus Frankreich
Das Buch ist ausleihbar in der Stadtbibliothek Engen.

Dieser große Gesellschaftsroman der hochgefeierten französisch-marokkanischen Autorin basiert auf der wahren Geschichte ihrer Großeltern. Doch Slimanis Roman ist nicht einfach eine Nacherzählung tatsächlicher Begebenheiten. Die Autorin versucht vielmehr, die Realität mit den Mitteln der Fiktion zu erkunden. Zur Debatte stehen die Unterdrückung der Frau, das Schicksal der Einheimischen in einem kolonialisierten Land und das einer europäischen Auswanderin, die sich nicht unter die Kolonisatoren mischen will: Dies ein interessanter Blickwinkel, der in der deutschen Literatur nicht oft zu finden ist.
Ein wunderbares Bild im Roman ist der „Zitrangenbaum“. Um die gemeinsame Tochter zu unterhalten, pfropft Amine einen Zitronenzweig auf einen Orangenbaum: „Wir sind wie dein Baum: halb Zitrone, halb Orange. Wir gehören zu keiner Seite.“ Doch die Früchte sind bitter und ungenießbar.
Die Hauptfigur Mathilde, eine gerade mal 20-jährige junge Elsässerin, verliebt sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in den doppelt so alten Amine Belhaj, einen marokkanischen Offizier im Dienst der französischen Armee.
Der äußere Gegensatz zwischen den beiden könnte nicht größer sein: „Mathilde, robust, ungestüm, irgendwie maskulin, schlank, blond mit grünen Augen, ist einen Kopf größer als ihr dunkler marokkanischer Mann Amine. Er hatte im Befreiungskrieg der Franzosen gegen die Deutschen gekämpft, war verletzt und ausgezeichnet worden und in deutscher Gefangenschaft gewesen.“
Die beiden heiraten und lassen sich in der Nähe von Meknès am Fuß des Atlas-Gebirges nieder. Dort leben sie ärmlich auf einem abgelegenen Hof, den Amine von seinem Vater geerbt hat. Während er versucht, dem steinigen Boden einen kargen Ertrag abzuringen, zieht Mathilde die beiden Kinder groß.
Voller Freiheitsdrang und Abenteuerlust hatte sie den Aufbruch in ein neues, unbekanntes Leben gewagt, doch bald muss sie ernüchternde Erfahrungen machen: den alltäglichen Rassismus der französischen Kolonialgesellschaft, in der eine Ehe zwischen einem Araber und einer Französin nicht vorgesehen ist, die patriarchalischen Traditionen der Einheimischen, das Unverständnis des eigenen Mannes. Aber Mathilde gibt nicht auf und bereut nichts. Beeindruckend zu lesen, wie sie ihr Leben meistert.
Besonders schwierig jedoch wird die Lage der Familie, als 1953 in Marokko wie im benachbarten Algerien die Unabhängigkeitsbewegung gegen die Herrschaft der Franzosen immer mächtiger wird. In der aufgeheizten Stimmung sitzt die Familie zwischen allen Stühlen und muss um Besitz und Leben fürchten.
Die in Frankreich renommierte Autorin Leïla Slimani kam 1981 im marokkanischen Rabat auf die Welt und wuchs in einer begüterten Familie auf: Mutter Ärztin, Vater Ökonom und sogar Wirtschaftsminister des Landes. 1999 Studium an einer berühmten Politikhochschule in Paris, dann Journalistin für das Wochenmagazin Jeune Afrique, jetzt Buchautorin. Prix Goncourt für „Dann schlaf auch du“ (2016), das Psychodrama einer Nanny, die zwei Kinder in ihrer Obhut ermordet, auch dies erzählt nach einer wahren Geschichte.