Drei Jahre Krieg in der Ukraine

Lesetipps Februar 2025

Seit drei Jahren überzieht Russland die Ukraine mit einem grausamen und völkerrechtswidrigen Krieg. 2014 hat es erstmals Teile der Ukraine annektiert, was von westlichen Ländern nicht wirklich beachtet und nicht richtig bewertet wurde.

Außer dem sehr kontrovers diskutierten Buch von Gabriele Krone-Schmalz „Russland verstehen? Der Kampf um die Ukraine und die Arroganz des Westens“ (Westend Verlag 2023) stehen zum Ausleihen bereit:

Susanne Spahn: „Das Russland-Netzwerk – Wie ich zur Russland-Versteherin wurde und warum ich es nicht mehr sein kann“ (Frankfurter Allgemeine Buch 2024) Spahn ist Osteuropa-Historikerin, Politologin und Journalistin. Sie ist eine profunde Kennerin der Politik Russlands gegenüber der Ukraine und Belarus. Seit 35 Jahren beschäftigte sie sich mit der Gesellschaft des riesigen Landes und verfolgt alle Veränderungen. Sie verfasste Studien und zahlreiche Publikationen zu russischen Medien und Desinformation in Deutschland. Sie arbeitete u.a. für die London School of Economics und für das Europäische Parlament. Spahns Buch ist sehr übersichtlich gegliedert, auch für Laien gut lesbar, mit Fotos versehen und verfügt über eine umfangreiche Liste von Quellenangaben und Tipps zum Weiter-Lesen. In ihrem Buch lässt sich klar nachvollziehen, warum sich Susanne Spahns Bild von Russland trotz vieler langjähriger Freundschaften mit russischen Menschen grundlegend gewandelt hat.

Katerina Gordeeva, „Nimm meinen Schmerz – Geschichten aus dem Krieg“ (Droemer 2023) Die Journalistin, Filmemacherin und Bloggerin, geboren 1977 in Rostow am Don, arbeitete bis 2012 für das russische Fernsehen, auch als Kriegsberichterstatterin. 2014 jedoch verließ sie Moskau aus Protest gegen Russlands widerrechtliche Annexion der Krim. Sie lebt heute im Exil in Lettland. Auch dort habe sie nie aufgehört, von ihrer Heimat zu erzählen, von ihrer Familie, deren eine Hälfte in der Ukraine lebt, die andere Hälfte in Russland. Als Russland im Februar 2022 den Krieg begonnen habe, habe für sie alles seinen Sinn verloren. „Der Staat, dessen Bürgerin ich bin, hat – formell also auch in meinem Namen – die Menschen angegriffen, die ich liebe.“ Von da an reiste sie trotz aller Gefahren in beiden Ländern, auch im umkämpften Grenzgebiet und sammelte Geschichten von Menschen im Krieg, sowohl von Russen als auch von Ukrainern. Sie widmete ihr Buch mit den 24 Geschichten ihren Großmüttern, eine geboren in Mykolajiw (Ukraine) und gestorben in Rostow am Don, die andere in Moskau geboren und in Kyjiw gestorben. Diese erschütternden Geschichten zeigen die ganze Grausamkeit und Absurdität dieses Krieges. 2024 wurde Gordeeva mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. In ihrer Heimat Russland steht ihr Name seit September 2022 auf der Liste des Kremls als „ausländische Agentin“ zusammen mit vielen anderen Oppositionellen.

Ein ähnliches, soeben erschienenes Buch hat den prägnanten Titel „Nein! Stimmen aus Russland gegen den Krieg“, Herausgeber Sergej Lebedew (Rowohlt Verlag 2025). Es enthält 25 Texte russischer Autoren, die fast alle inzwischen im Exil leben. Siehe Artikel im Südkurier vom 22.2.25. Dieses Buch ist noch nicht in der Stadtbibliothek auszuleihen.

Doch ebenso uneingeschränkt lesenswert, jedoch leichter zu verkraften: Stephan Orth: „Couchsurfing in der Ukraine – Meine Reise durch ein Land im Krieg“ (Piper Verlag 2024) Orth, der schon zweimal in Engen zu Gast war, erkundet, wie der Alltag der Menschen in der Ukraine aussieht, was sie durchhalten lässt und was dieser Krieg eigentlich mit uns zu tun hat. Besonders eindrucksvoll die Rolle von Desinformation und Propaganda im russischen Fernsehen, dem auch bei uns von einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung geglaubt wird. Ein packender Bericht über das Leben im Ausnahmezustand!

Piper Verlag 2024 (255 S., 18 €), auch ausleihbar in der Stadtbibliothek Engen.

Radio Sarajewo

2 Lesetipps September 2024

Tijan Sila: „Radio Sarajevo“ und Stephan Orth: “Couchsurfing in der Ukraine”

„Alles, was Sie gelesen haben, ist wahr, ist wirklich passiert.“ Der Autor Tijan Sila schreibt, er habe am Buch gearbeitet wie der Regisseur eines Dokumentarfilms, der das Geschehen stark raffen musste. So entstand ein Buch von knapp 170 Seiten, das doch alles enthält, was zu sagen ist über das Aufwachsen von Kindern im Krieg. Geboren 1981 in Sarajevo in Bosnien, wächst Sila in einer Familie und in einem Umfeld auf, wo es eigentlich keine Rolle spielte, welcher Religion und welcher Ethnie man angehörte. Und doch spüren alle, dass eine giftige Atmosphäre um sich greift. An den Häusern erscheinen Graffiti, die den Muslimen den Tod wünschen, die Ausweitung Serbiens bis nach Tokio fordern und behaupten, Bosnien habe nie existiert. Woher kommen solche Sprüche? Wer verfolgt welche Interessen? Im Frühjahr 1992 fallen Bomben auf die Stadt, obwohl der Vater seinem Sohn doch versprochen hat, die Menschen wollten keinen Krieg, sondern Frieden. So verliert der Junge das Vertrauen in die Autorität des Vaters. Nach Monaten in Kellern und zwischen Trümmern setzt Gewöhnung ein, doch der Elfjährige hat für Jahre das Weinen verlernt. Die Bombardements und die Gewalt haben seine Kindheit beendet. Weil die Schulen monatelang geschlossen sind, treffen sich die Halbwüchsigen im Freien trotz der Gefahr, beschossen zu werden. Die Freundschaften untereinander geben ihnen Halt. Den Krieg erklären? „Jeder kämpfte gegen jeden.“ Und doch gelingt es Sila, in wenigen Worten die verworrene Lage und Geschichte Bosniens zu umreißen. Gewalt aber beherrscht das tägliche Leben, nicht nur auf der Straße, sondern auch bei den martialischen Erziehungsmethoden in Schulen und Familien. Klebstoff schnüffeln wird populär unter den Jugendlichen. Es ist die Droge der Ärmsten. Sie lässt vergessen, schädigt aber die Gehirne der Kinder ganz massiv. Der Schwarzmarkt blüht. Was für ein Glück, ein kleines rotes Kofferradio zu ergattern, aus dem Rock-Musik schallt. 1994 entschließen sich Silas Eltern, das Land zu verlassen, wie Tausende vor ihnen. Doch es bringt ihnen kein Glück. Es gelingt ihnen nicht, in Deutschland Fuß zu fassen. Die große Scham darüber hindert sie daran, wieder in die alte Heimat zurückzukehren.

Trotz der dramatischen und eigentlich traurigen Ereignisse gelingt es dem Autor, durch die Schilderung von skurrilen und witzigen Szenen den Leser zu fesseln. Die Handlung wird aus dem Blickwinkel des Jungen erzählt, der mit seinen Freunden Abenteuerliches erlebt und versucht, irgendwie klar zu kommen und die Schrecken des Krieges auszublenden.

Dieses Buch ist ein Glücksfall, prägnant geschrieben, berührend, unbedingt lesenswert!
Tijan Sila, geb. 1981, kam 1994 als Kriegsflüchtling nach Deutschland, studierte Sprachen in Heidelberg, ist Berufschullehrer in Kaiserslautern. Er veröffentlichte ab 2017 Romane. Im Sommer 2024 gewann er den überaus renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis für einen noch unveröffentlichten Text.

Tijan Sila, „Radio Sarajevo“ (8.Auflage 2024), geb. bei Hanser, als TB bei Nagel & Kimche (173 Seiten, 14 €) im örtlichen Buchhandel, auch ausleihbar in der Stadtbibliothek Engen

Ebenso uneingeschränkt lesenswert: Stephan Orth: „Couchsurfing in der Ukraine – Meine Reise durch ein Land im Krieg“. Orth, der schon zweimal in Engen zu Gast war, erkundet, wie der Alltag der Menschen in der Ukraine aussieht, was sie durchhalten lässt und was dieser Krieg eigentlich mit uns zu tun hat. Ein packender Bericht über das Leben im Ausnahmezustand!

Piper Verlag 2024 (255 S., 18 €), auch ausleihbar in der Stadtbibliothek Engen.

Sommerlesetipp 2024

Lesetipp Mai 2024: Dinçer Güçyeter: „Unser Deutschlandmärchen“

Bei der kommenden Fußball-Europameisterschaft hoffen viele Deutsche auf ein neuerliches „Deutschlandmärchen“ wie im Jahr 2006 bei der Weltmeisterschaft. Was aber, wenn der Buchtitel eines türkisch-stämmigen Autors unser Deutschlandmärchen heißt? Der Preisträger des Leipziger Buchpreises 2023 erzählt eine, seine (?) Familiengeschichte, besonders aus der Sicht der Frauen mehrerer nach Deutschland ausgewanderter Generationen und des Sohnes, der in Almanya geboren wurde. Und diese Geschichte verläuft alles andere als märchenhaft. Güçyeter erzählt vom Schicksal türkischer Griechen zu Anfang des 20. Jahrhunderts, von archaischer Verwurzelung in anatolischem Leben und von den großen Herausforderungen der Mutter, als Gastarbeiterin in Deutschland ein neues Leben zu beginnen. Erschütternd wirkt der bittere Satz von Fatma: „Wenn deine Wurzeln nicht derselben Erde angehören, bist du verdammt.“ Und im Epilog sagt sie: „Wir haben blind danach gestrebt, den Schmerz der Entwurzelung mit Eigentum, mit Geld zu heilen, vergebens.“ Perspektiven und die poetische Erzählweise der kurzen Kapitel sind einzigartig und fallen aus dem Rahmen eines „normalen“ Romans. Bebildert ist das Buch mit einigen berührenden privaten Schwarz-Weiß-Fotografien.

Heute ist der 1979 in Nettetal nahe der niederländischen Grenze geborene Autor ein engagierter Theatermacher, Lyriker, Herausgeber und Verleger. Als junger Mann einer türkischen Gastarbeiterfamilie machte er den Realschulabschluss an der Abendschule und absolvierte die Ausbildung zum Werkzeugmacher. Seinen Elif-Verlag, gegründet 2012, finanzierte er als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit. Im Jahr 2022 wurde Güçyeter mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet und 2023 erhielt er den Preis der Leipziger Buchmesse für „Unser Deutschlandmärchen“. Nach all den überschwänglichen Kritiken wird das Buch ab November 2024 auch als Theaterstück zu sehen sein.

Dinçer Güçyeter, „Unser Deutschlandmärchen“, 2022 erschienen im Verlag mikrotext, ausleihbar in der Stadtbibliothek Engen

„Der Afrik“

Lesetipp Februar 2024: „Der Afrik“ von Sven Recker

Eines der ungewöhnlichsten Bücher der letzten Monate ist sicher der schmale Roman „Der Afrik“ von Sven Recker.

Ungewöhnlich das Thema: Es geht um Bewohner Südbadens, die Mitte des 19. Jahrhunderts zur Auswanderung gezwungen wurden und denen die Rückkehr verweigert wurde.

Ungewöhnlich auch die Form des Romans, weil viel von der Geschichte des Franz Xaver Luhr in der ‚Du‘-Form und im Präsens erzählt wird. Das wirkt nur auf den ersten paar Seiten befremdlich, dann nehmen Luhrs dunkle Gefühle, Alpträume und wortkargen Gedanken den Leser mit beklemmender Eindringlichkeit gefangen.

Ungewöhnlich, ja schockierend ist die Geschichte der kinderreichen Familie Luhr. Sie lebten in Pfaffenweiler, einem Weindorf in der Nähe von Freiburg. Im Jahr 1853 wurden sie von der Gemeinde zusammen mit anderen armen Familien zur Auswanderung nach Afrika gezwungen, und zwar in die damals französische Kolonie Algerien. Die Reise der Dorfarmen bezahlte die Gemeinde durch Holzverkauf. Dazu wurde ein Waldstück abgeholzt. Auf der freien Fläche entstand ein Weinberg, genannt ‚Afrika‘. Den Auswanderern wurde ein gutes Leben auf fruchtbaren Feldern versprochen, doch es erwartete sie noch schlimmere Not als in der Heimat. Ihre Bitten, zurückkehren zu dürfen, wurden vom Gemeinderat strikt abgelehnt. Nur einer von 132 Auswanderern schaffte es zurück und der wurde fortan von den Dorfbewohnern ‚Afrik‘ genannt.

Doch er war seltsam geworden, ein wortkarger Außenseiter, der in einer primitiven Hütte nahe des Weinbergs hausen musste. Eines Abends aber saß vor seiner Hütte ein fremder Junge. Er redete nicht bis auf die französischen Worte „J’ai faim“ (Ich habe Hunger.). Welche Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden und was wird aus Luhrs Plan, den ganzen Weinberg, genannt „Afrika“, in die Luft zu sprengen?

Sven Recker, geb. 1973 in Bühl/Baden, lebt in Berlin. ‚Afrik‘ ist sein dritter Roman.

Die Idee zu diesem Roman basiert auf zwei Quellen, die im Buch genannt werden. Dort auch zwei Fotos, Luhr auf einem Gruppenbild aus Pfaffenweiler (aufgenommen vor 1907) und ein Foto vom Afrika-Denkmal beim Weinberg ‚Afrika‘.

Tobias Rüther im WDR: „Dieses Buch hat mich umgehauen.“

Sven Recker, „Der Afrik“, Edition Nautilus 2023, 159 Seiten – ausleihbar in der Stadtbibliothek Engen

„Die Verräter“

Lesetipp Herbst 2023: „Die Verräter“ von Artur Weigandt

„Die Heimat ist nicht mehr als eine Erinnerung“ schreibt Weigandt in seinem „journalistischen Heimatroman“ über seine eigene Herkunft. Geboren wurde der junge Autor 1994 als Nachkomme von Wolgadeutschen in Uspenka, einem kleinen Plandorf in der Steppe Kasachstans. Gegründet war dieses Dorf schon im Jahr 1911 von ukrainischen Deportierten. Der letzte Zar hatte ukrainische Bauern, Beamte, Handwerker all ihrer Besitztümer beraubt und sie in die unwirtliche Steppe von Kasachstan verfrachtet. Danach die blutige russische Revolution. Das Leben in Uspenka steht beispielhaft für das Leben in der UdSSR. Heute oft verklärt, drohten doch für nicht wenige Willkür, Repressionen, Verhaftung und Deportation.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion verwaiste Uspenka. Viele Menschen zogen weg und begannen ein Leben in der Fremde. Wurden sie dadurch zu „Verrätern“ ihrer Heimat? Doch in ihrer Erinnerung lebt das Dorf weiter. Artur Weigandt spricht mit diesen Menschen und ergründet die Spuren, die Flucht und Vertreibung in seiner eigenen Familie hinterlassen haben. Am Ende muss er erkennen, dass der russische Angriff auf die Ukraine seine eigene Identität infrage stellt. Besonders schmerzt ihn, dass Teile seiner Familie, die in Russland geblieben sind, Berichte über die Schrecken des Krieges in der Ukraine als Fake-News, als reine Erfindungen abtun.

Der junge Autor überschreibt sein informatives und doch sehr berührendes Buch „Für die Heimatlosen“.  Hanser Verlag 2023