Lesetipp Sept. 2021

Deniz Ohde, „Streulicht“ (Suhrkamp 2020) – ein Buch nicht nur für Lehrerinnen und Lehrer

Ein Industrieort am Niederrhein, weißer Industrieschnee rieselt herab, eine feine Säure liegt in der Luft. Ein ständiges Rauschen dringt aus den Werkshallen. Hier ist die namenlose Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, aber nur kurz zur Hochzeit von Freunden aus Kindertagen.

Die junge Autorin Deniz Ohde, ihre Mutter deutsch, ihr Vater türkisch, erzählt in ihrem Debütroman von Kindheit und Jugend eines Mädchens aus einem engen Arbeitermilieu. Der Vater wie schon der Großvater „alteingesessen“ und hart arbeitend, jedoch mit einem Hang zu Alkohol und häuslicher Gewalt. Außerdem: Beide Männer können nichts wegwerfen, sondern müssen raffen, was sie billig kriegen können. So quillt das Haus über von Sonderangeboten in XXL-Packungen. Die Mutter der Protagonistin ist Türkin, die mit ihrer Tochter jedoch nie Türkisch redet. So fehlt dem Kind „die Kraftquelle der Muttersprache“, wie die Autorin in einem Interview bei der Schrader-Stiftung Darmstadt sagte. Die Ich-Erzählerin kann sich Menschen mit ihrer Herkunft nicht anschließen, denn ihr fehlt die türkische Sprache, die Sprache ihrer Mutter.

Im sehr deutschen Milieu ihres Heimatortes findet sie ebenfalls keinen Rückhalt. „Was? Ein Arbeiterkind aufs Gymnasium? Und gar studieren? Wie soll das gehen?“ Auch der Vater sieht wenig Sinn in Schulbildung, „Gehst ja doch mal in die Fabrik“, und der Grundschullehrer traut ihr nichts zu, weil sie immer verschüchtert und stumm im Klassenzimmer sitzt. Er lässt sie in Ruhe und meint, damit dem Kind etwas Gutes zu tun.

Orientierungslos geworden bricht das junge Mädchen die Schule ab. Doch dann gelingt es ihr, sich im zweiten Anlauf nach oben zu kämpfen, sich zu befreien – trotz Scham und ständiger Angst, vor den anderen nicht bestehen zu können. Die junge Frau macht Abitur und verlässt ihr Elternhaus, um zu studieren. Besonders beeindruckend schildert die Autorin, welche Rolle bei der Entwicklung eines Kindes Lehrer spielen können – so oder so.

Ist das Buch ein Bildungsroman? Die Protagonistin strebt Bildung an, ohne zu wissen, was das eigentlich sein soll. Sie will raus aus der Enge des Industrieortes und zu einer bestimmten Schicht, zu einer Elite gehören. Die Autorin: „Bildung eröffnet den Zugang zur Welt.“

Im Interview sagte sie, ihr Buch sei kein „Befindlichkeitsroman einer Deutsch-Türkin“, doch natürlich spielen Herkunft und Identität eine wichtige Rolle.

Außerdem betonte die 1988 in Frankfurt geborene Schriftstellerin, dass „Streulicht“ keinesfalls ein autobiografischer Roman sei. Sie selber habe schon in der Grundschule angefangen, Geschichten aufzuschreiben und dabei große Unterstützung von ihrer Lehrerin bekommen. Nun hat Deniz Ohde schon mehrere Auszeichnungen für ihr Schreiben bekommen, unter anderem den renommierten Jürgen-Ponto-Preis und den „aspekte-Literaturpreis“ des ZDF.

Das Buch ist in der Stadtbibliothek auszuleihen, im örtlichen Buchhandel gebunden (22 €) oder als Broschur (12 €) zu kaufen.