Lesetipp Februar 2021

Vorarlberger Autorin Monika Helfer mit zwei Romanen zur eigenen Familiengeschichte:
„Die Bagage“ und „Vati“  (beide erschienen bei Hanser, 2020 und 2021)

Zwei nicht besonders dicke Bücher mit verschwommenen Titelbildern – entsprechen diese Bilder den manchmal nur vagen Erinnerungen der Autorin?

Monika Helfer, geboren 1947 im Bregenzerwald, taucht tief in ihre Familiengeschichte ein. „Die Bagage“ handelt von der Familie ihrer Großeltern Maria und Josef (sie hießen wirklich so), die bitter arm in einem abgelegenen Haus im hintersten Tal lebten. So wurden sie schnell zu Außenseitern, zur Bagage, die in der Kirche ganz hinten sitzen mussten (oder auch wollte?). Maria war eine Schönheit, um die Josef von vielen Männern beneidet wurde. Richtig schwierig wurde die Lage der Familie, als Josef in den Ersten Weltkrieg ziehen musste und Frau und Kinder mittellos zurückblieben. Wild und ungezähmt wuchsen die Kinder auf, eben eine richtige „Bagage“. Dann verreißen sich die Klatschbasen auch noch das Maul, von welchem Vater wohl die Tochter Grete, die Mutter der Autorin, ist: von Josef, dem Ehemann, aber ist der nicht im Krieg? oder von dem hübschen hochdeutsch sprechenden Mann, der eines Tages auftaucht und wieder verschwindet, oder gar vom Bürgermeister, der die Familie unterstützt. Josef jedenfalls wird kein einziges Wort jemals mit seiner Tochter Grete sprechen.

Die einfache Sprache des Romans macht diese Familiengeschichte umso berührender, besonders wenn man die Stimme der Autorin mit ihrem warmen Vorarlberger Tonfall in einem Interview oder Hörbuch selbst gehört hat.

Kurze Leseprobe: „Die Wirklichkeit weht hinein in das Bild, kalt und ohne Erbarmen, sogar die Seife wird knapp. Die Familie ist arm, gerade zwei Kühe, eine Ziege. Fünf Kinder.“

SWR 2 urteilt: „Monika Helfer schreibt in „Die Bagage“ sehr anschaulich von Lügen und Legenden, die über Generationen hinweg die Familiengeschichte prägen.“

Das Buch ist inzwischen zum Bestseller geworden.

„Vati“, der zweite Roman von Monika Helfer über ihre Familie. Nun erzählt die Autorin über ihre eigene Kindheit im heutigen Bergheim Zimba auf der Tschengla oberhalb des Brandner Tals in Vorarlberg.

Ihr „Vati“, der diese Anrede modern findet, kehrt beinamputiert aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, wird aber durch einen glücklichen Zufall als Leiter eines Erholungsheims für Kriegsversehrte eingestellt. Das Wertvollste für ihn in diesem wunderbaren Haus ist die Bibliothek, gefüllt mit 1300 wertvollen Büchern, die sicher keiner der Erholung Suchenden je gelesen hat. Als das Haus in den 60er Jahren in ein Hotel umgebaut werden soll und ein Rechnungsprüfer anrückt, nimmt das Unglück seinen Lauf. Grund dafür sind nicht falsche Zahlen, sondern die Büchersammlung, die Vati in eine Kurzschlusshandlung treiben. Von da an zerbricht das glückliche Leben der Familie, doch die „Bagage“ steht ihnen in Not und Krankheit helfend zur Seite.

Immer wieder spricht die Autorin davon, wie wenig sie eigentlich von ihrem nach Büchern süchtigen Vater weiß. Der hat wie so viele andere Männer der Kriegsgeneration über vieles nie geredet und manches vor seiner Familie verheimlicht oder verdreht. Meisterlich gelingt es der Autorin jedoch, Leerstellen zu füllen oder noch häufiger, Dinge im Ungefähren zu belassen. So fügen sich Geschichten verschiedener Personen doch zu einem Ganzen. Alles erzählt in einem Stil, als würde Monika Helfer direkt neben einem sitzen und von ihrer Familie erzählen.

„Vati“ ist keineswegs ein Heimatroman, obwohl er zumindest im ersten Teil vor idyllischer Kulisse spielt. Es geht vielmehr um ein schönes, aber auch sehr schmerzhaftes Erinnern von Herkunft, Kindheit und Jugend: „Ja, es ist alles gut geworden – auf eine bösartige Weise ist alles gut geworden.“ Und es geht um die Kraft und den Zauber von Büchern und vom Vorlesen und Zuhören.

Beide Bücher sind in der Stadtbibliothek Engen ausleihbar und natürlich im lokalen Buchhandel erhältlich.